Das Trauerlied Egil's

Die skaldische Dichtkunst stellt in ihrer Ganzheit eine der kompliziertesten Formen der Dichtung dar, da sie einerseits strengen Regeln unterworfen ist, andererseits aber trotz dieses strengen Reglementes der Formgesetze eine unglaubliche Poesie hinsichtlich Ästetik und Harmonie, Einfallsreichtum, Inspiration und Variation darstellt. Um dies näher erläutern zu können lasse ich einfach Kurt Schier an dieser Stelle sprechen, denn er kann das viel besser als ich. Wenn er sich auf Beispiele und Anmerkungen in der Egils Saga bezieht, so sind diese in folgender Quelle [1] nachzuvollziehen:

[Beginn des Zitates]

In den ältesten erhaltenen Skaldendichtungen, die aus Norwegen stammen und wohl in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts entstanden sind, ist bereits das komplizierte System skaldischer Metren fast vollständig ausgebildet. Es gibt verschiedene Versmaße, die unterschiedlichen Regeln unterliegen; das verbreitetste und am höchsten geschätzte Metrum ist das sogenannte dróttkvætt (etwa: >Hofton<), das auch Egil für die meisten seiner Einzelstrophen, den >Losen Strophen< (lausavísur), benutzt, allerdings nicht für seine großen Gedichte. Jede Strophe besteht aus acht Zeilen, jeweils vier Zeilen bilden eine Halbstrophe, die in der Regel auch eine innere Einheit darstellt; syntaktische Bindungen über die Halbstrophe hinweg sind selten, häufig aber wird ein Gedanke der ersten Halbstrophe in der zweiten fortgesetzt oder variiert. - Normalerweise hat im dróttkvætt jede Zeile sechs Silben, davon sind drei Silben lang und betont, doch können unter bestimmten Bedingungen auch zwei Silben, von denen die erste kurz sein muß, ein lange Silbe ersetzen; die Länge einer Silbe ist nicht identisch mit der Länge ihres Vokals, sondern unterliegt eigenen Regeln. Die vorletzte Silbe einer Zeile muß jedoch lang und betont sein.

Das dróttkvætt verwendet drei Reimarten nebeneinander, den Stabreim und zwei Arten von Binnenreimen. Jeweils zwei Zeilen sind paarweise durch Stabreim verbunden; dabei tragen immer in der ersten Zeile zwei betonte Silben den Stab, in der zweiten Zeile stabt die erste betonte Silbe. In allen ungeraden Zeilen wird ferner ein >halber Binnenreim< verwendet, das heißt, es müssen der Konsonant oder die Konsonantengruppe nach einem Vokal in zwei Wörtern übereinstimmen, die Vokale selbst sind aber verschieden. In den geraden Zeilen wird ein >voller Binnenreim< benutzt, hier müssen in zwei Wörtern Vokal und Konsonant übereinstimmen. - Die Wortstellung ist viel freier als in der Prosa; häufig werden in einer Halbstrophe die Teile von zwei und zuweilen auch drei Sätzen ineinander verflochten. Um dem Leser an einem Beispiel den Bau einer solchen Strophe zu verdeutlichen, soll hier Str. 23 (S. 130) im Original einer ziemlich wörtlichen Übersetzung unter weitgehender Beibehaltung der altnordischen Wortfolge gegenübergestellt werden.

Hier sind in jeder Halbstrophe zwei Sätze verflochten; die verschiedenen Sätze wurden durch unterschiedlichen Druck voneinander abgehoben:

1 Ókynni vensk, ennis An Ungeziemendes gewöhnt sich der Stirn
2 ungr þorðak vel forðum. als Junger wagte ich vordem wohl
3 haukaklifs, at hefja der Falkenklippe zu heben
4 HIín, þvergnípur mínar; Hlin meine Querzinnen;
5 verdk i feld, þás foldar ich muß in den Pelz da des Landes
6 faldr kømr í hug skaldi Fald kommt in den Sinn dem Skalden,
7 berg-Óneris, brúna Berg-Onerirs der Brauen
8 brátt miðstalli hváta. Mittelpfeiler rasch stecken.

Die Wortfolge in Prosa würde etwa so lauten:

An Ungeziemendes gewöhnt sich [die] Hlin der Falkenklippe, als Junger wagte ich vordem wohl, meine Querzinnen der Stirn zu heben: [jetzt aber] muß ich [den] Mittelpfeiler der Brauen rasch in den Pelz stecken, wenn dem Skalden [der] Fald des Landes [von] Berg-Onerir in den Sinn kommt.

Die Verflechtung der Sätze ist deutlich zu erkennen; es ist zu beachten, daß auch die einzelnen Glieder von Kenningar nicht nebeneinanderstehen müssen: der Stirn ... Querzinnen; der Falkenklippe ... Hlin; des Landes Fald ... Berg-Onerirs. Von den Kenningar selbst wird noch später zu sprechen sein.

In den Zeilen 3 und 4 verbindet der Stabreim die Wörter haukaklifs, hefja und Hlin miteinander; in den folgenden Zeilenpaaren sind die Stäbe leicht zu sehen. Im ersten Zeilenpaar tragen die Wörter Ókynni, ennis und ungr den Stabreim, da alle Vokale miteinander staben; in der Regel müssen dabei verschiedene Vokale verwendet werden. - In Zeile 1 folgt zweimal auf einen Vokal ein -nn (Ókynni und ennis), dies ist der erwähnte >halbe Binnenreim<. In den folgenden ungeraden Zeilen entsprechen dem -klifs und hefja, feld und foldar sowie Óneris und brúna. Ein mit dieser Dichtung nicht vertrauter Leser oder Hörer wird in diesen Fällen häufig überhaupt keinen Reim wahrnehmen. - In Zeile 2 weisen þorðak und forðum einen >vollen Binnenreim< auf, ebenso Hlín und mínar, faldr und skaldi sowie brátt und hváta in den folgenden geraden Zeilen.

Man könnte vermuten, daß eine so außerordentlich strenge Form eine individuelle dichterische Aussage fast unmöglich macht und daß solche Dichtungen zur puren artistischen Silbenzählerei werden. Das ist tatsächlich bei einigen Dichtern - vor allem in der Spätzeit - gelegentlich der Fall, kaum aber bei Egil. Allerdings benutzt er für seine drei großen Gedichte etwas weniger strenge Versmaße, aber auch in seinen Losen Strophen, die das dróttkvætt verwenden, beeinträchtigen die formalen Regeln offensichtlich nur selten seine dichterische Aussage.

Ein weiteres für die Skaldendichtung signifikantes Stilmittel bilden die Kenningar. In dieser Musterstrophe finden wir die Querzinnen der Stirn für >Augenbrauen, Augen<, Hlin [Göttin] der Falkenklippe [des Armes] für >Frau<, Mittelpfeiler der Brauen für >Nase< sowie die besonders komplizierte Kenning Berg-Onerirs Land-Fald für >Asgerd< (vgl. dazu die Anm. zur Strophe). Dieses Beispiel mag zeigen, daß es prinzipiell unmöglich sein dürfte, bei der Übertragung von Skaldendichtungen sowohl die formalen und metrischen Eigenheiten wiederzugeben, als auch die Kenningar zu bewahren; man muß sich für das eine oder andere entscheiden.

.......

Eine Kenning (Mehrzahl: Kenningar) ist zwar eine mehrgliedrige Umschreibung eines einfachen Begriffes, aber sie dient nicht nur größerer Bildhaftigkeit oder Anschaulichkeit oder der Erzielung eines besonderen pathetischen oder grotesken Eindruckes. Kenningar finden sich auch in der eddischen Dichtung und in ähnlicher Form auch in der Dichtung anderer germanischer Völker, etwa der Angelsachsen, doch allein in der Skaldik sind sie zu einem raffinierten Kunstmittel ausgebildet worden.

Die Skaldendichtung hat Tausende von Kenningar bewahrt, doch wird nur eine begrenzte Anzahl von Begriffen durch Kenningar umschrieben, etwa Mann, Krieger, Kampf, verschiedene Waffen, Blut, Gold, Frau, Schiff, Meer, Rabe und Wolf (als Tiere des Kampfplatzes), Dichtung. Die Bildung von Kenningar folgt bestimmten Typen; >Mann<, >Krieger< wird z. B. meist umschrieben als Gott oder Baum des Kampfes, des Schwertes, des Schildes, des Schiffes, der Ringe, wobei für >Gott< jedoch der Name eines bestimmten Gottes oder für >Baum< ein bestimmter Baum eingesetzt werden kann. Solche Kenningar enthalten in ihrer einfachsten Form oft anschauliche Elemente; so deutet etwa eine Kenning vom sehr häufigen Typ Baum (Ulme, Esche etc.) des Schwertes (des Kampfes, des Speeres etc.) auf das Aufrechte, Feststehende des (kämpfenden) Mannes, wogegen die ebenfalls häufigen Kenningar für >Schwert< vom Typ Gerte (Rute, Schlange, Lachs, Flamme etc.) des Kampfes (Blutes, Schildes, Helmes, der Wunden etc.) einen Ausdruck enthalten, der die Assoziation von etwas Geschmeidigem, Biegbarem hervorruft.

Innerhalb einer Kenning können aber die einzelnen Begriffe wiederum durch eine Kenning ersetzt werden, und dann entstehen mehrgliedrige Kenningar wie etwa Heidekraut-Fjordfischs Glanzheim-Baum für >Mann< (hier Berg-Önund) in Str.30 (S. 145, Auflösung der Kenning dort) oder des Erderwachsnen Pferd von Gylfis Grund für >Dichtung< in Str. 54 (S. 204). Bei solchen mehrgliedrigen Kenningar wird Anschaulichkeit nicht angestrebt. Ein spezieller unanschaulicher Kenningtyp ist das sogenannte ofjljóst, von dem Egils Dichtung einige besonders einprägsame Beispiele enthält. Dabei wird ein Begriff durch einen synonymen Begriff ersetzt, wie etwa in der Kenning Berg-Onerirs Land-Fald in Str. 23 (S. 130), worin der Name Asgerd verborgen ist (vgl. dazu die Anm. S. 275), oder in der Kenning AdlerHochsitz-Björn in Str. 36 (S. 163), die den Namen Arinbjörn bezeichnet, wobei der Begriff >Stein<, der durch Adler-Hochsitz ausgedrückt wird, durch das Wort arinn zu ersetzen ist, das >Herd aus Stein< bedeutet.

Einem modernen Leser wird die Kenningkunst zunächst oft fremd und unpoetisch erscheinen. Sie setzt einerseits voraus, daß man die Bilder der Kenningar in einer Halbstrophe in ihren Zusammenhängen und Assoziationsmöglichkeiten erkennt, andererseits aber auch über das nötige Wissen verfügt, um die vielen Anspielungen auf Mythen und Heldensagen zu verstehen. Kenningar bieten die Möglichkeit, außerhalb der eigentlichen Aussage des Gedichts, des >Inhalts<, eine und zuweilen zwei zusätzliche Assoziationsebenen zu schaffen. In der Einführung (S. 17f.) wurde bereits auf Str. 51 hingewiesen, wo Egil allein durch die Auswahl der Kenningar das Bild einer norwegischen Küstenlandschaft hervorruft. Wie kunstvoll Kenningar, kenningähnliche Umschreibungen und die Textaussage selbst zu einem geschlossenen und anschaulichen Bild verwoben werden können, zeigt sich z.B. auch in Str. 32 (S. 147), wo das sturmgepeitschte Meer so beschrieben wird, daß des Zweiges Unhold kraftvoll mit Sturmes Meißel den glatten Weg des Steven-Stieres vor dem Steven zur Feile schlägt.

Ist hier der Assoziationszusammenhang dem Leser wegen der Bildhaftigkeit der verwendeten Kenningar immerhin noch zugänglich, so setzen die Kenningar zu ihrem vollen Verständnis sehr oft die Kenntnis von Mythen oder Heldensagen voraus. Hier vor allem erweist sich die Skaldendichtung mit ihrem Kenningsystem als eine in hohem Maße intellektuelle Dichtung, die große Anforderungen an das mythologische Wissen und die Kombinationsfähigkeit ihrer Hörer oder Leser stellt.

[Ende des Zitates]

Dem Leser dürfte nun klar sein, welche Tragweite und Ausmaße die skaldische Dichtkunst aufweist. In unserer heutigen Zeit lebt diese Form, wenn auch nicht in diesen strengen Formen wie es die alten Skalden in ihren Versen umzusetzen vermochten, wieder auf.

Um die Großartigkeit der Dichtkunst der alten Skalden nicht zu verwässern, möchte ich eine Zweiteilung des Begriffes Skaldik einführen. - Die klassische oder Alte skaldische Dichtkunst und die Neue skaldische Dichtkunst oder Neoskaldik. Der Grund dieser Begriffseinteilung ist folgender: diese neuen Versuche und Bestrebungen unserer heutigen Zeit, an die Klasse der Alten anzuknüpfen, sollten nicht mit dem Begriff der Skaldik allgemein umschrieben beziehungsweise zusammengefaßt werden, da in Bezug auf das Wissen über nordische Mythologie, sowie das Vermögen in komplexen Metriken zu dichten, die heutige Zeit kaum oder nicht überlebt hat.

Wenn man die Kunst des Egil Skallagrimson hinsichtlich Versmetrik, sowie auch der vorhandenen Kenntnis von Mythologie und Geschichte mit denen neuerer Werke vergleicht, wird man diesen Schritt der Begriffsteilung leicht nachvollziehen können und dies auch verstehen. Dies soll jedoch auf gar keinen Fall implizieren, daß die Werke der Neoskaldik schlecht sind. Der werte Leser soll sich selbst davon ein Bild machen und deshalb werden nachfolgend Werke der älteren und der neueren Periode vorgestellt ....


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