Die Sage von König Nor


Um den Sinn der Thinghügel zu verstehen, muß man das Rechtssystem zur damaligen Zeit verstehen. Die Norweger waren bis vor der Einigung Norwegens durch Harald Hårfagre (Harald Schönhaar) in der Schlacht auf dem Hafrsfjord (ca. 890) in verschiedene Königreiche unterteilt. Nach der Einigung wurden diese in Fylker (Provinzen) eingeteilt. Aber schon vor Harald Hårfagre's Zeit galt das Thinglov (Thinggesetz). Selbst ein König konnte sich nicht über die Gesetze des Thing einfach hinwegsetzen.

Die Fylken, die sich geographisch sehr nahegelegen waren, bildeten ein Lag, eine Thinggemeinschaft. Der Name Trøndelag, der für das Gebiet um den Trondheimsfjord steht, zeugt heute noch von dieser alten Art und Weise die Gerichtsbarkeit geographisch etwas zu zentrieren. Der Thingplatz für das Lag der Trønder war Frosta, ein Ort auf einer Halbinsel mitten im Trondheimsfjord.

Der Thinghügel auf Frosta. Das Frosta-Thing.

Das Frosta-Thing erlangte große Berühmtheit, als es um 1000 a.d. Gesetze gegen Olav II. (Olav Haraldsson, Olav der Heilige) erließ, die jedem Trönder die Erlaubnis gab Olav zu töten, ohne die Verurteilung der Tötungstat vor dem Gericht. Gleichzeitig wurde die Unterlassung des Mordes an Olav II. vom Thing geahndet. [Anm.: Olav Haraldsson wurde 995 geboren, wurde König 1015 und fiel 1030 in der Schlacht bei Stiklestad gegen die aufständigen Trønder. Später wurde er durch die Katholische Kirche heilig gesprochen, da er ganz Norwegen christianisierte.]

Der Thinghügel auf Frosta im Winter.

Wie funktionierte nun das Thing? Zuallererst muß man die Gemeinschaft zur damaligen Zeit beleuchten. Es galt das Sippenrecht. Wenn einer etwas verbrach, mußte für die Konsequenzen die gesamte Sippe herhalten. Dies ist zwar ein sehr starkes, hartes, aber auch effektives Instrument für den Gesellschaftszusammenhalt zur damaligen Zeit. Gleichzeitig hatte jeder Gutsherr Rechtshoheit. Selbst ein König konnte nicht dem Gutsherr seine Rechte beschneiden. Auf dem Gut war der Gutsherr König. Für Streitigkeiten gab es das Thing, welches einmal im Jahr stattfand. Das Gesetz wurde erst sehr spät niedergeschrieben und wurde vorher von gewählten Männern auswendig gelernt. Diese Männer wurden für drei Jahre zum Rechtsleser gewählt. Dies stellt eine enorme gedankliche Leistung dar, da vor jedem Thing das gesamte Gesetz verlesen wurde, und danach die Änderungen, Ergänzungen und die neuen Gesetze mit eingearbeitet werden mußten.

Aus Erzählungen und Sagen weiß man, wie es sich zugetragen haben mußte. Die gewählten Männer kamen zum Thingplatz gereist und wohnten auf dem Hof, der dem Thingplatz am nahesten stand. Zu Beginn des Thinges, traten alle Beteiligten, welche die Gesetze verlasen, wie auch hochgestellte Persönlichkeiten wie beispielsweise der König, auf den Hügel und wurden mit Ve-Bändern eingekreist. Das würde man heute als Absperrung bezeichnen, hatte aber einen religiösen, oder eher spirituellen Charakter zur damaligen Zeit, da die "Eingeschlossenen" sozusagen, abgeschlossen von äußerer Beeinflussung sein sollten, was die Gesetze betraf. Abgestimmt wurde dann von allen Anwesenden.

Sonnenuntergang beim Thinghügel auf Frosta.

Außerhalb Islands hat nur noch auf der Insel Man, das Thingrecht bis in unsere heutige Zeit als Tradition überlebt. Nach wie vor wird auf Man einmal im Jahr die beschlossenen Gesetze auf dem Thinghügel verlesen. Dies ist heute eine gewaltige Touristenattraktion geworden. Aber Fakt ist, daß diese Sitte, das Recht auf dem Hügel zu lesen, dort nun schon seit 1000 Jahren ausgeübt wird.


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